Mit Notfallsanitätern unterwegs

Wie sieht eigentlich ein typischer Einsatz der RKiSH aus? Eine Notfallsanitäterin berichtet, wie sie und ihr Kollege einem Patienten helfen können – mit viel Fürsorge, Teamgeist und Fachwissen.

Mein Kollege und ich sind gerade von einem Krankentransport zurück, als wir zu einem Notfall gerufen werden: Ein älterer Patient in einem Einfamilienhaus leidet unter anderem an Schwindel, Kopfschmerzen und hat bei sich selbst einen stark erhöhten Blutdruck gemessen. Bis zu seinem Haus fahren wir sieben Minuten. Seine Frau öffnet uns die Tür und weist uns den Weg ins Wohnzimmer, wo er auf einem Sessel sitzt. Wir bemühen uns, beim Eintreffen – egal ob wir Hektik oder Lebensgefahr vorfinden – immer Ruhe und Fürsorge auszustrahlen, denn der medizinische Notfall allein bedeutet für die Betroffenen Stress genug, und unser Eindringen in ihre Privatsphäre kann zusätzlich Angst machen. Allerdings stellt sich meistens schnell Erleichterung ein, wenn wir mit unserer Arbeit beginnen. Der Patient sitzt auf einem Sessel und ist ansprechbar.

Während mein Kollege ihn begrüßt und fragt, wie es ihm geht, beurteilt er die Atmung und tastet mit seiner Hand schon den Puls – für den Patienten ist es eine Begrüßung, für uns ein Teil der grundlegenden Untersuchung nach dem ABCDE-Schema. Ich packe derweil die Blutdruckmanschette aus und bereite das EKG vor. Wir messen einen Blutdruck von 230 /130. Das kann zu einem lebensbedrohlichen Zustand führen, weil Hirnblutung, Herzinfarkt und Ähnliches drohen. Bevor wir den Blutdruck senken, müssen wir beim Patienten an beiden Armen den Blutdruck messen, um andere schwerwiegende Erkrankungen nicht zu übersehen.
Wir fragen zur genaueren Beurteilung außerdem nach Luftnot, Brustschmerzen oder Schlaganfall-Symptomen. Währenddessen haben wir das EKG angeschlossen und gehen nun dazu über, ihm einen venösen Zugang zu legen, über den wir ihm ein blutdrucksenkendes Medikament verabreichen können. Dieses Vorgehen entspricht unseren Standardarbeitsanweisungen (auch Algorithmen genannt), die ich zu Beginn der Untersuchung gleich aufgeschlagen habe – auf Seite 35: „Hypertensiver Notfall“. Sie helfen uns, in der Struktur zu bleiben und nichts zu übersehen. Das Heft ist im passenden Format für unsere Seitentaschen angefertigt worden. Darin wird für jedes Krankheitsbild das nötige Vorgehen Schritt für Schritt erläutert.

Als Notfallsanitäter können wir derartige Maßnahmen anwenden, auch ohne das ein Arzt anwesend ist. Erlernt und geübt wird dies in der Jahresfortbildung und beim Simulationstraining. Die entsprechenden Standardarbeitsanweisungen zu den Notfällen gibt unser Ärztlicher Leiter vor. Allen bei uns sind die Prozesse bekannt, dennoch legen wir viel Wert darauf, uns Zeit für das Zusammentragen aller Informationen und das Nutzen aller Ressourcen zu nehmen. Während der Patient sein Medikament erhält, bitten wir seine sehr aufgeregte Frau, ihm Kleidung für das Krankenhaus zusammenzupacken, die Versichertenkarte und, wenn vorhanden, den Medikamentenplan zu holen. So kann sie aktiv etwas beitragen, was den meisten Angehörigen gut tut. Unser Ziel bei diesem Patienten ist die Absenkung seiner Extremwerte. Der Algorithmus gibt vor, dass wir das Medikament geben, dann fünf Minuten warten und erneut kontrollieren, ob die Wirkung ausreichend eingesetzt hat. Insgesamt vier Mal können wir nachdosieren. Wäre der Wert dann noch nicht unter 180, würden wir den Notarzt anfordern. In diesem Fall aber genügen drei Dosen. Jetzt bereiten wir den Patienten für den Transport ins Krankenhaus vor. Die Trage kann elektrohydraulisch bis auf Bodenniveau heruntergefahren werden. Der Patient kann selbständig aufsteigen. Seine Frau fährt mit uns im RTW mit.

Während der Fahrt kontrollieren wir weiter den Blutdruck, der sich stabilisiert hat. Der Patient hat sich entspannt. Er erzählt, dass er früher bei der Feuerwehr war, was ich sehr spannend finde. Bei mir breitet sich ein Gefühl der Zufriedenheit aus: Wir konnten dem Patienten helfen, und er bedankt sich sehr herzlich bei uns, als wir ihn dem Krankenhaus übergeben. Während wir dort noch die Trage desinfizieren, kommen wir mit Kollegen einer anderen Wache ins Gespräch. Es tut immer gut, mit Kollegen über Einsätze und Maßnahmen zu sprechen, denn man weiß, dass das Gegenüber schon Ähnliches erlebt hat und einen versteht. Zurück auf der Wache fülle ich am Computer die Ereignismeldung aus, was immer dann geschieht, wenn wir Medikamente geben mussten. Auch, wenn es nötig war, vom Algorithmus abzuweichen, wird das vermerkt. So können die Standardprozesse stetig weiterentwickelt werden. Glücklicherweise wird sich dieser Schritt ab 2019 vereinfachen: Dann können wir vom RTW aus mit neu eingeführten Tablets Medikamentengabe und Einsätze erfassen. Dann gibt es Mittagessen, das wir an diesem Tag alle gemeinsam innerhalb unseres Pausenkorridors auf der Wache einnehmen können. Ich habe gerade den letzten Bissen heruntergeschluckt, da werden mein Kollege und ich erneut angefordert: wieder ein Notfall. Weiter geht’s. Ich bin gespannt, auf was für einen Patienten wir dieses Mal treffen werden.